Die Farbe der Forschung
Die Ökologisierung der Agrarforschung beginnt mit den Fragen, die wir stellen. Es scheint, dass die gesellschaftliche Debatte darüber dem wissenschaftlichen Diskurs vorauseilt. Während das Ziel der Ertragssteigerung in der Agrarpolitik keineswegs mehr Priorität genießt, dominiert es noch immer einen Großteil der wissenschaftlichen Bemühungen. Und während viel zu lesen ist vom Denken in öko-systemaren Zusammenhängen, der Einbeziehung der sozioökonomischen Bedingungen sowie der langfristigen Wirkung und Entwicklung als Voraussetzung für Nachhaltigkeit, scheint in der wissenschaftlichen Praxis noch weitgehend die Betrachtung von Einzelfaktoren und kurzfristigen Effekten vorzuherrschen. Auch in der Agarökonomie stehen betriebswirtschaftliche Optimierungsstrategien und zu wenig die Maximierung des volkswirtschaftlichen Nutzens im Vordergrund.
Im Öko-Landbau - von vielen als neues Leitbild für die Landwirtschaft vertreten - wird derzeit zwar vieles zur Lösung praktischer betrieblicher Problemstellungen getan. Aber die grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Konventionen und Strategien landwirtschaftlicher Entwicklung scheint eher an Schärfe und visionärer Kraft zu verlieren.
Die vordringlichen Herausforderungen zur umfassenden Etablierung einer naturgerechten Agrar- und Ernährungskultur sind
· Erhalt und Aufbau der Bodenfruchtbarkeit
· Aktiver Klimaschutz in all seinen Facetten
· Ausstieg aus human- und ökotoxischen Agrarstrategien
· Erhaltung und Pflege der natürlichen und der kultivierten biologischen Vielfalt
· Optimierung der Standortgerechtheit von Produktion und Konsum
· Verbesserung der Lebensmittelqualität und Ernährungskultur in gesundheitlicher und öko-logischer Hinsicht
· Landwirtschaftstaugliche Konzepte wesens- und artgerechter Tierhaltung
· Umfassende volkswirtschaftliche Bewertung landwirtschaftlicher Systeme
Der ganzheitliche Ansatz ökologisch orientierter Agrarforschung erfordert neue Methoden: Die Zukunft gehört kreativen Netzwerken von Forscherinnen und Praktikern aller beteiligten Disziplinen und der unmittelbaren Befruchtung von Theorie und Praxis. Interdis-ziplinäre, transdisziplinäre, partizipative und alternative Forschungsansätze führen noch immer ein Schattendasein in der privaten und öffentlichen Forschung.
Wir brauchen neue Formen gegenseitiger Verständigung und direkter Kooperation von Wissenschaft und Praxis sowie die Einbeziehung lebensweltlicher Erfahrungen, die wissenschaftlicher Reduktion zuweilen widerstehen. Dazu bedarf es auch der Öffnung der Wissenschaft gegenüber ethischen und kulturellen Fragen unserer Beziehung zu Tier und Pflanze, des Respekts vor deren eigenem Wesen und des experimentellen Mutes zu unkonventionellen Forschungsansätzen.
Einige politische Forderungen, die sich aus diesen Überlegungen ergeben, erscheinen klar:
1. Die Vergabe aller öffentlichen Mittel in der Agrarforschung muss auf den Prüfstand.
2. Mindestens 20 Prozent der öffentlichen Forschungsmittel sollten - analog der Zielsetzung, den Öko-Landbau in den kommenden Jahren auf 20 Prozent auszubauen - in Forschung fließen, die sich dezidiert auf den ökologischen Landbau bezieht.
3. Gemeinnützig orientierte, unabhängige Forschung außerhalb der klassischen Ressort- und universitären Forschung und jenseits der Industrie-Kooperation sollte gestärkt werden.
In vielen anderen Fragen sehen wir erheblichen Diskussionsbedarf. Wir rufen deshalb alle interessierten Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Verwaltung dazu auf, sich an einer Diskussion über die Zukunft der Agrarforschung zu beteiligen:
Am 23. Juni 2003, veranstalten wir in Berlin ein ganztägiges Symposium über die Perspektiven der landwirtschaftlichen Forschung.
Ein wesentlicher Beitrag, an den die vorgeschlagenen Debatte anknüpft, ist die Denkschrift verschiedener Wissenschaftler "Forschung für eine naturgerechte Landwirtschaft" (siehe www.bfn.de/10/index.htm und Ökologie & Landbau 123, 3/2002; S. 22ff.).
Hier können Sie den Aufruf in besserer Gestaltung als pdf file abrufen und ausdrucken.
