Symposium "Die Farbe der Forschung"
23. Juni 2003, Magnus-Haus, Am Kupfergraben 7, 10117 Berlin
Programm
9:00 Begrüßung, Einführung, Organisation der Arbeitsgruppen
9:30 Impuls-Referate zur " Farbe der Forschung"
· Staatssekretär Dr. Alexander Müller, Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft
· Peter Krenz, Betriebsleiter der ehemaligen LPG im Ökodorf Brodowin
· Dr. Herrmann Scheer, MdB und Präsident von Euro-Solar
· Dr. Ton Baars, Louis-Bolk Institut, Kongress "Such is Life"
· Prof. Dr. Ulrich Köpke, Universität Bonn, International Society of Organic Agriculture Research (ISOFAR)
10:30 Arbeitsgruppen 1
· Bewertung öffentlicher Kosten und Nutzen
der Landwirtschaft (AG 2)
· Perspektiven der Saatzucht (AG 4)
· Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs am Beispiel
Tierzucht (AG 5)
· Praktische Erfahrungen mit transdisziplinärer
Forschung (AG 6)
· Forschungsziel Bodenfruchtbarkeit (AG 8)
· Der deutsche Beitrag zu globaler nachhaltiger
Ernährungssicherheit (AG 11)
12:30 Mittagessen
14:00 Arbeitsgruppen 2
· Klimaschutz (AG 1)
· Öko-Audits und Nachhaltigkeitskriterien
in der Landwirtschaft (AG 3)
· Struktur der Forschungsförderung (AG 7)
· Qualitätsforschung und Ernährung (AG 9)
· Entwicklung von Kulturlandschaft und
Standortgerechtigkeit (AG 10)
16:00 Pause, Kaffee
16:30 Berichte aus den Arbeitsgruppen und Abschlußdebatte
18:30 Ende der Diskussion
Anschließend Sie alle Teilnehmer zu einem
Imbiß und Umtrunk im Magnus-Haus eingeladen.
Arbeitsgruppen
1. Klimaschutz
Der direkte und indirekte Beitrag der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion zur Erderwärmung beträgt über 25%. Welche Beiträge hat die Agrarforschung bisher zur seiner Reduktion geleistet, welche nicht? Welche Ansätze sind besonders vielversprechend? Welche Umsetzungsstrategien und -probleme müssen dabei berücksichtigt werden?
2. Bewertung öffentlicher Kosten und Nutzen der Landwirtschaft
Landwirtschaft erbringt gesellschaftlich nützliche Leistungen und verursacht öffentliche Kosten, die bei der Gestaltung der Agrarpolitik und -subventionen eine wachsende Bedeutung gewinnen. Wissenschaftliche Konzepte diese Kosten und Nutzen, die nicht betriebswirtschaftlich erfassbar sind, zu berechnen und zu bewerten, sind noch schwach entwickelt. Sie stoßen schnell an Grenzen der Monetarisierbarkeit nichtsdestoweniger höchst bedeutender Werte. Es geht um eine kritische Bestandsaufnahme und um Zukunftsoptionen, die auch politisch umsetzbar sind.
3. Öko Audits und Nachhaltigkeits-Kriterien in der Landwirtschaft
Ausgehend von dem Konzept der Environmental Management Assessment Schemes (EMAS) der Europäischen Union werden integrierte Öko-Audits für die Landwirtschaft entwickelt. Sie sollen standardisierbare Indikatoren für die Nachhaltigkeit einzelner Maßnahmen sowie eines Betriebes erbringen, die eine vergleichende Bewertung erlauben. Sie könnten in Zukunft für die Gewährung öffentlicher Mittel relevant werden. Was ist der Stand der Entwicklung? Wo liegen die Grenzen der Standardisierung? Erlauben sie eine ganzheitliche Betrachtung?
4. Perspektiven der Saatzucht
Welche Züchtungsziele sind aus Sicht der Nachhaltigkeit vordringlich, welche Strategien erfolgreich? Welche besonderen Impulse kommen hier von ökologischer und bio-dynamischer Seite? Welche Erkenntnisse bringt andererseits die molekularbiologische Genomforschung Züchtern heute, welche lassen sich für morgen erwarten? Der Streit um die grüne Gentechnik sollte nicht den offenen, kritischen Blick auf die Grundlagenforschung und ihre Paradigmen verstellen.
5. Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs am Beispiel Tierzucht
Tierschutz gehört zu den unbestreitbar hohen Prioritäten gesellschaftlicher Ansprüche an die Landwirtschaft. Dabei kann es nicht allein um Quadratzentimeter Lebensraum, Transport- und Schlachtmethoden gehen. Weitergehende Versuche, "Artgerechtigkeit" und "Wesensgemäßheit" zu definieren, um daraus Haltungs- und Züchtungsziele abzuleiten, führen allerdings schnell an Grenzen klassischer naturwissenschaftlicher Methoden. Dies wirft ein exemplarisches Licht auf die enorme Komplexität und Vernetztheit der Lebenswissenschaften, aber auch auf ihre starke ethische und ästhetische Bedeutung. Wo verlaufen sinnvolle Grenzen zwischen unkonventionellen wissenschaftlichen Ansätzen, die den herrschenden Paradigmen-Kodex erweitern, und künstlerischen wie religiösen Ansätzen des Naturverständnisses? Wie können sie einander befruchten?
6. Praktische Erfahrungen mit transdisziplinärer Forschung
Transdisziplinäre Forschung zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht allein Forscher verschiedener Disziplinen einbezieht, sondern auch die Praktiker vor Ort und zwar in einem Prozess, der Thematik und Methoden der Forschung selbst zum Gegenstand der kritischen Betrachtung und Anpassung macht. Welche praktischen Erfahrungen haben die Teilnehmer und Betreiber solch transdisziplinärer Forschung gemacht und welche Forderungen leiten sich daraus an die weitere Forschung und deren Rahmenbedingungen ab?
7. Struktur der Forschungsförderung
Wohin die knappen Millionen in der Agrarforschung jährlich fließen, wird in einem wenig durchschaubaren Netzwerk von Entscheidungs-Gremien, Gutachtern und Interessensvertretern entschieden. Nach welchen Kriterien? Mit welcher Erfolgs-Kontrolle? Aufgrund welcher gesellschaftlicher Vorgaben? Mit welcher Transparenz für die wissenschaftliche Gemeinde selbst, die Landwirte und die breitere Öffentlichkeit? Wie lassen sich Demokratie und Transparenz bei der Festlegung von Ziel-Kriterien und deren Ergebnis-Kontrolle effektiver gestalten? Welche Hemmnisse gilt es in der öffentlichen und der privat finanzierten Forschung zu überwinden?
8. Forschungsziel Bodenfruchtbarkeit
Gemessen an seiner Bedeutung für Ernährung und Klima ist der Boden noch immer ein Stiefkind der Agrarforschung. Dies hat mit der Komplexität und besonderen Langfristigkeit praktischer Erkenntnisse auf diesem Gebiet zu tun. Die Vernachlässigung dieses Aspektes in Theorie und Praxis bezahlen meist erst die Enkel. Der ökologische Landbau, der Bodenfruchtbarkeit ins Zentrum seines Ansatzes stellt, kann hier wesentliche Beiträge leisten. Was sind die besonderen Herausforderungen an die Boden-Forschung, worauf kann sie aufbauen, welche langfristigen "Projekte für übermorgen" sollten heute begonnen werden?
9. Qualitätsforschung und Ernährung
Um das neue politische Leitbild "Klasse statt Masse" gibt es wissenschaftlichen wie politischen Streit. Er dreht sich darum wie "Klasse", sprich Qualität zu definieren ist. Verbraucher wollen gesunde, vielfältige und wohlschmeckende Lebensmittel. Geliefert wird optisch, herstellungs- und prozesstechnisch optimierter Standard weniger Sorten von zweifelhaftem Geschmack und Nährwert. Das Ergebnis jahrzehntelanger wissenschaftlicher Investitionen in die falsche Richtung? Dass Lebensmittel-Qualität mehr ist als die Summe der messbaren Inhaltsstoffe, scheint vielen Laien selbstverständlicher als der Wissenschaft. Der Bedarf an umfassender qualitätsorientierter Forschung ist offensichtlich.
10. Entwicklung von Kulturlandschaft und "Standortgerechtigkeit"
Die Gestaltung unserer Kulturlandschaft kann nicht allein das Ergebnis betriebswirtschaftlicher Optimierung der Landwirtschaft sein. Sie erfordert die Integration von Natur- und Landschaftsschutz, langfristiger Ertragskraft, kulturgeschichtlicher und ästhetischer Werte und von ökonomisch und sozial stabilen regionalen Nutzungskonzepten. Und sie muß sich für diejenigen, die sie erhalten und entwickeln, rechnen. Eine eminent politische Frage. Die Forschung hat eben erst begonnen, hierfür Grundlagen zu liefern, sowohl bezüglich der einzelnen Parameter als auch in Bezug auf die Organisation partizipativer, innovativer und dynamischer Entscheidungsprozesse jenseits der alten Frontlinien zwischen Naturschutz und landwirtschaftlichem Verwertungsinteresse.
11. Der deutsche Beitrag zu globaler, nachhaltiger Ernährungssicherheit
Während hierzulande andere Prioritäten im Vordergrund stehen, spielt global eine nachhaltige Steigerung der Produktivität und Entwicklung von Bewirtschaftungsformen, die Ertrags- und Ernährungssicherheit und -qualität vor Ort steigern, eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Hunger und Armut. Welchen Beitrag leistet die Forschung in Deutschland hierzu? Wo sollte sie Schwerpunkte setzen, welche Ansätze und Formen der Kooperation haben sich als erfolgreich erwiesen? Gibt es für die Nachhaltigkeitsentwicklung im Norden bedeutsamen Gegenverkehr auf der alten Nord-Süd-Einbahnstraße der internationalen Agrarforschung?
Ziel
"So wie die Forschung bisher wichtiger Motor der Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft war, so kann und muss sie mit veränderter Ausrichtung auch für eine ökologische und den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechende Landwirtschaft und den Verbraucherschutz innovative Impulse geben. Dazu bedarf es einerseits der inhaltlichen Umschichtung der Forschungsmittel, aber auch eines Umdenkens der Forschenden selbst," schrieben Anfang vergangenen Jahres 15 Professorinnen und Professoren in einer gemeinsamen Denkschrift "Forschung für eine naturgerechte Landwirtschaft". Wie weit sind die Agrarwissenschaften und die Politik, die sie bestimmt, auf diesem Wege vorangekommen? Welcher innovativen inhaltlichen und methodischen Impulse bedarf die Forschung selbst, um auch in Zeiten knapper öffentlicher Mittel tatsächlich als Motor von Nachhaltigkeit und Qualitätssteigerung zu funktionieren? Das ist das Thema des Projektes "Die Farbe der Forschung". Sie sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen.
Auf einem Symposium am 23. Juni 2003 in Berlin sollen ausgewählte Aspekte der Agrarforschung in workshops diskutiert und, wo möglich, Ergebnisse und Forderungen formuliert werden. Erwartet werden 70 - 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Land- und Lebensmittelwirtschaft, Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz, Politik und einschlägigen Institutionen. Neben kurzen Impulsreferaten wird vor allem die Gelegenheit zum intensiven Erfahrungs- und Gedankenaustausch, zur aktiven Auseinandersetzung und zur Erarbeitung von gemeinsamen Perspektiven, Schwerpunkten und Anforderungen an die Forschungspolitik geboten.
Absicht dieser Initiative ist es,
• Eine breitere politische Diskussion darüber anzustossen, wie die Agrarforschung in Deutschland auf die zentralen ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen reagieren sollte
• Ein Forum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Landwirte, Untenehmen, Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutzorganisationen zu bieten, denen die Ökologisierung der Landwirtschaft ein besonderes Anliegen ist
• Auf diese Weise eine stärkere Ausrichtung der Forschungspolitik in Deutschland (und der EU) auf Forschungsinhalte und -methoden zu fördern, die den Herausforderungen entsprechen
Sie ist ein offener Prozess, der auf Kontinuität, breite, offene Beteiligung und Vielfalt der Disziplinen, Erfahrungen und Ansichten setzt. Im Vordergrund soll die Formulierung von Fragen und die kritische Analyse der Methoden stehen, die den Fortgang der Forschung bestimmen.
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft hofft, dass sich daraus ein lebendiger Diskurs mit eigener Dynamik entwickelt, den sie gerne gemeinsam mit anderen interessieren Organisationen und Institutionen über dieses erste Symposium hinaus zu pflegen bereit ist.
